Reizdarm

Reizdarm

Autorin: Katharina Heinz (Pharmazeutisch-technische Assistentin (PTA), Ernährungsberaterin und Pharmazieökonomin)

Inhaltliche Qualitätssicherung: Dr. rer. nat. Till Schumacher (Apotheker)

Disclaimer: Der nachfolgende Beitrag dient ausschließlich zu allgemeinen Informationszwecken und kann weder eine individuelle ärztliche Beratung noch eine ärztliche Diagnostik ersetzen. Im Falle von Beschwerden sollte daher umgehend ein Arzt aufgesucht werden.

Das Reizdarmsyndrom (RDS) ist weit verbreitet – und doch bleibt es für viele ein Rätsel. Im nachfolgenden Beitrag erfährst du alles über die Ursachen, Symptome und Behandlung eines Reizdarmsyndroms. Auch gehen wir auf die geeignete Ernährung ein und klären häufige Fragen zum Reizdarm.

Reizdarm: Auf einen Blick

Was ist ein Reizdarm?

Das Reizdarmsyndrom ist eine funktionelle Darmstörung. Das bedeutet: Der Darm ist bei üblichen Untersuchungen meist unauffällig, verursacht aber trotzdem wiederkehrende Beschwerden wie Bauchschmerzen, Blähungen, Durchfall oder Verstopfung.

Typische Beschwerden

Häufig sind Bauchschmerzen, Krämpfe, Blähungen, Völlegefühl, Durchfall, Verstopfung, wechselnde Stuhlgewohnheiten oder das Gefühl einer unvollständigen Darmentleerung.

Mögliche Auslöser

Stress, Schlafmangel, Infekte, hormonelle Schwankungen, bestimmte Lebensmittel, FODMAPs, Kaffee, Alkohol, sehr fettige Speisen oder eine veränderte Darm-Hirn-Achse können Beschwerden verstärken.

Was helfen kann

Ein Beschwerde- und Ernährungstagebuch, regelmäßige Mahlzeiten, langsames Essen, lösliche Ballaststoffe wie Flohsamenschalen, Bewegung, Stressreduktion und bei Bedarf eine fachlich begleitete Low-FODMAP-Testphase.

Wann zum Arzt?

Ärztlicher Rat ist sinnvoll, wenn Bauchbeschwerden länger anhalten, wiederkehren, den Alltag deutlich beeinträchtigen oder erstmals neu auftreten. Reizdarm ist keine reine Selbstdiagnose: Vor allem bei anhaltenden Beschwerden sollten andere Ursachen wie Zöliakie, chronisch-entzündliche Darmerkrankungen, Infektionen, Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder andere Darmerkrankungen ausgeschlossen werden.

  • bei Blut im Stuhl, schwarzem Stuhl oder ungeklärten Schleimbeimengungen
  • bei ungewolltem Gewichtsverlust, Appetitlosigkeit oder Fieber
  • bei nächtlichem Durchfall oder nächtlichen Bauchschmerzen
  • bei anhaltendem oder zunehmendem Durchfall
  • bei neu auftretenden Beschwerden ab etwa 50 Jahren
  • bei Blutarmut, starker Müdigkeit oder Zeichen eines Nährstoffmangels
  • bei familiärer Belastung mit Darmkrebs, Zöliakie oder chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen
  • wenn sehr viele Lebensmittel gemieden werden und die Ernährung einseitig wird

Sofortige medizinische Hilfe ist wichtig bei starken, plötzlich auftretenden Bauchschmerzen, hohem Fieber, wiederholtem Erbrechen, Kreislaufproblemen, starker Austrocknung, ausgeprägten Blutungen oder einem harten, stark schmerzhaften Bauch. Solche Beschwerden sollten nicht als normaler Reizdarm eingeordnet werden.

Was ist ein Reizdarm?

Ein Reizdarmsyndrom (RDS) ist eine funktionelle Störung des Darms. Bei Untersuchungen erscheint dieser weitestgehend unauffällig, dennoch arbeitet dieses „aus dem Takt“, was zu den u. g. Symptomen führen kann. Grundsätzlich ist das Reizdarmsyndrom für Betroffene zwar belastend, bei einem ansonsten unauffälligen Befund jedoch nicht gefährlich.

Wichtig ist die Abgrenzung zu anderen Ursachen für Bauchbeschwerden. Reizdarm ist eine Ausschlussdiagnose: Erst wenn chronisch-entzündliche Darmerkrankungen (Colitis Ulcerosa, Morbus Crohn), Zöliakie oder Infektionen ärztlich ausgeschlossen wurden und die typischen Beschwerden länger bestehen, spricht man von einem Reizdarmsyndrom.

Reizdarmsyndrom: Ursachen

Ein einzelner Auslöser für ein Reizdarmsyndrom ist nicht bekannt. Vielmehr geht man von einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren aus:

  • Störungen der Darmmotilität,
  • eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit des Darms (viszerale Hypersensibilität),
  • Veränderungen in der Darm-Hirn-Achse,
  • leichte Entzündungsprozesse der Darmschleimhaut sowie
  • Veränderungen des Darmmikrobioms

Auch nach akuten Magen-Darm-Infekten kann ein Reizdarmsyndrom neu entstehen („postinfektiöses RDS“). Zusätzlich können Stress, psychische Belastungen oder Schlafmangel die Beschwerden triggern oder aufrechterhalten – ohne dass die Beschwerden „eingebildet“ wären. Das RDS ist eine echte Funktionsstörung und keine rein psychische Erkrankung.

Reizdarmsyndrom: Symptome

Leitsymptome des Reizdarmsyndroms sind

  • wiederkehrende Bauchschmerzen,
  • krampfartige Beschwerden,
  • Blähungen und
  • ein veränderter Stuhlgang.

Der Stuhl kann weicher oder wässrig sein (Durchfall), hart und klumpig (Verstopfung) oder zwischen beiden Extremen wechseln. Viele Betroffene empfinden Erleichterung nach dem Stuhlgang; andere erleben eher eine Verschlimmerung. Die Symptome verlaufen in der Regel in Schüben und können durch Stress, Lebensmittel und/oder hormonelle Veränderungen (z.B. PMS oder Wechseljahre) beeinflusst werden.

Neben den o. g. Leitsymptomen berichten Betroffene häufig auch von ergänzenden Symptomen wie

  • Völlegefühl,
  • vermehrte Darmgase,
  • Gefühl unvollständiger Darmentleerung sowie
  • Schleimauflagerungen auf dem Stuhl.

Bei zusätzlichen Symptomen wie unbeabsichtigten Gewichtsverlust, Blut im Stuhl, anhaltendes Fieber, nächtliche Schmerzen oder anhaltende Durchfälle sollte umgehend ein Arzt aufgesucht werden, um die Ursache abklären zu lassen.

Reizdarm einordnen: Beschwerden und mögliche nächste Schritte

Beschwerde oder Situation Mögliche Bedeutung Was sinnvoll sein kann
Wiederkehrende Bauchschmerzen mit Blähungen und verändertem Stuhlgang Typisches Muster eines Reizdarmsyndroms, wenn andere Ursachen ausgeschlossen wurden. Beschwerden, Stuhlform, Ernährung, Stress und Schlaf über mehrere Wochen dokumentieren.
Durchfallbetonte Beschwerden Kann zu RDS-D passen, muss aber von Infekten, Zöliakie, chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen oder Gallensäureverlust abgegrenzt werden. Bei anhaltendem, nächtlichem oder neuem Durchfall ärztlich abklären lassen.
Verstopfungsbetonte Beschwerden Kann zu RDS-C passen, besonders bei Bauchschmerzen, Blähungen und Gefühl unvollständiger Entleerung. Flüssigkeit, Bewegung und lösliche Ballaststoffe langsam steigern; bei starken oder neuen Beschwerden ärztlich besprechen.
Wechsel zwischen Durchfall und Verstopfung Kann zu einem gemischten Reizdarmsyndrom passen. Auslöser und Stuhlform dokumentieren; Behandlung richtet sich nach dem jeweils vorherrschenden Symptom.
Blähungen und Völlegefühl nach bestimmten Lebensmitteln FODMAPs, Laktose, Fructose, Sorbit oder große Mengen blähender Lebensmittel können Beschwerden verstärken. Keine dauerhafte Radikaldiät; besser strukturierte Testphase mit anschließender Wiedereinführung.
Bauchschmerzen bei Stress, Anspannung oder Schlafmangel Die Darm-Hirn-Achse kann Beschwerden beeinflussen, ohne dass die Beschwerden eingebildet sind. Stressmanagement, Entspannung, Bewegung, Schlafroutine und ggf. psychologische Verfahren erwägen.
Beschwerden nach Magen-Darm-Infekt Ein Reizdarmsyndrom kann nach einem akuten Infekt neu auftreten. Bei anhaltenden Beschwerden ärztlich abklären lassen und Verlauf dokumentieren.
Blut im Stuhl, schwarzer Stuhl, Fieber oder ungewollter Gewichtsverlust Warnzeichen, die nicht zu einem unkomplizierten Reizdarmsyndrom passen. Zeitnah ärztlich abklären lassen.
Nächtliche Durchfälle oder nächtliche Schmerzen Spricht eher gegen einen rein funktionellen Reizdarm und sollte ernst genommen werden. Ärztliche Diagnostik, insbesondere bei wiederholtem Auftreten.
Viele Lebensmittel werden aus Angst vor Beschwerden gemieden Kann zu einseitiger Ernährung, Nährstofflücken und zusätzlicher Verunsicherung führen. Ernährungsberatung erwägen und Lebensmittel schrittweise wieder einführen.

Reizdarmsyndrom: Behandlung

Das Ziel der Behandlung ist zunächst nicht die Heilung des RDS, sondern die Behandlung der Symptome, um den Betroffenen zu mehr Lebensqualität zu verhelfen. Daher richtet sich die Behandlung immer nach den vorherrschenden Beschwerden – etwa Blähungen, Bauchschmerzen, Durchfall oder Verstopfung.

Medikamente werden je nach Leitsymptom und nach Rücksprache mit einem Arzt eingesetzt. Beispielsweise:

  • krampflösende Mittel gegen Bauchschmerzen,
  • Antidiarrhoika bei Durchfällen und
  • osmotische Laxantien bei Verstopfung.

Zudem können Pfefferminzöl-Kapseln krampflösend wirken, und ausgewählte Probiotika bessern bei einigen Betroffenen Blähungen und den Stuhlgang.

Welche konkrete Medikation angezeigt ist, sollte individuell und durch einen Arzt entschieden werden – insbesondere, wenn weitere Erkrankungen vorliegen oder andere Medikamente eingenommen werden.

Auch die Ernährung spielt zur Behandlung eine zentrale Rolle. Vielen Betroffenen hilft es, regelmäßige Mahlzeiten zu sich zu nehmen, langsam zu kauen und stark blähende Speisen oder sehr fettreiche Gerichte zu reduzieren. Lösliche Ballaststoffe wie Flohsamenschalen können Stuhlgang regulieren und Schmerzen mildern.

Reizdarm: Ernährung

Die beste Ernährung ist die, die den persönlichen Auslöser berücksichtigt und zugleich abwechslungsreich und alltagstauglich bleibt. Grundregeln, die vielen Betroffenen guttun, sind einfache, regelmäßige Mahlzeiten, gründliches Kauen und eine sanfte Steigerung löslicher Ballaststoffe. Flohsamenschalen, Haferkleie oder Chiasamen können den Stuhl regulieren – allerdings sollten diese langsam eingeschlichen und dabei ausreichend ausreichend getrunken werden. Scharf Gewürztes, sehr Fettiges sowie viel Kaffee oder Alkohol reizen manchen Darm zusätzlich, weshalb ein maßvoller Umgang sinnvoll ist.

Was ist eine Low-FODMAP-Diät?

Die Low-FODMAP-Diät ist kein Abnehmprogramm, sondern ein konkreter Weg um bestimmte Gruppen schwer verdaulicher Kohlenhydrate (FODMAPs) vorübergehend zu reduzieren. Zu diesen zählen vor allem Laktose, Fruktoseüberschuss, Fruktane, Galacto-Oligosaccharide sowie Zuckeralkohole wie Sorbit oder Mannit. Diese Stoffe gelangen unverdaut in den Dickdarm, werden dort vergoren und können bei empfindlichem Darm Blähungen, Schmerzen und Stuhlunregelmäßigkeiten auslösen.

Das Vorgehen besteht aus drei Phasen:

  1. In der Eliminationsphase (typisch 2–6 Wochen) werden FODMAP-reiche Lebensmittel (s.u.) deutlich eingeschränkt, um Ruhe in den Bauch zu bringen.
  2. Anschließend folgt die systematische Wiedereinführung: Jede FODMAP-Gruppe wird einzeln in kleinen, dann steigenden Mengen getestet, um die persönliche Toleranzschwelle zu finden.
  3. In der Langzeitphase wird der Speiseplan so breit wie möglich gestaltet – mit nur den Mengen/Arten, die individuell gut vertragen werden.

Reizdarmsyndrom: Welche Lebensmittel sollten gemieden werden?

Typische „Stolpersteine“ sind große Mengen klassischer FODMAP-reicher Lebensmittel. Dazu gehören:

  • Zwiebeln,
  • Knoblauch,
  • Lauch,
  • Weizenprodukte in großen Portionen,
  • Roggen,
  • bestimmte Kohlsorten wie Blumenkohl,
  • Artischocken
  • Hülsenfrüchte
  • Pilze.

Bei Obst bereiten vor allem Äpfel, Birnen, Wassermelone, Mango und Steinobst vielen Probleme. Zudem sind Süßungsmittel mit Zuckeralkoholen (Sorbit, Mannit, Xylit, Maltit) häufige Auslöser für Blähungen und Durchfall.

Milch und Joghurt können Beschwerden verstärken, wenn eine Laktosemalabsorption vorliegt. In diesen Fällen sind laktosefreie Alternativen oder hart gereifte Käse die bessere Wahl. Auch Honig und stark fruktosereiche Produkte sind für manche schwierig, ebenso Getränke mit viel Fruktosesirup. Zwar nicht direkt FODMAP-bezogen, aber dennoch oft reizend sind sehr fettige Speisen, scharfe Chilis, hoher Kaffeekonsum und Alkohol.

Reizdarmsyndrom: Welche Lebensmittel werden gut vertragen?

Viele Betroffene kommen mit einfachen Grundnahrungsmitteln gut zurecht. Dazu zählen naturbelassene Eiweißquellen wie Fisch, Geflügel, mageres Fleisch, Eier und Tofu. Bei Getreide sind Reis, Hafer, Mais, Hirse, Buchweizen und Quinoa meist gut bekömmlich. Als Brotoptionen funktionieren oft glutenfreie Sorten oder kleine Portionen von Dinkel-Sauerteig besser als große Weizenmengen.

Unter den Gemüsen gelten Karotten, Zucchini, Tomaten, Gurken, Auberginen, Paprika, Spinat, Kürbis und grüne Bohnen in üblichen Mengen als niedrig in FODMAPs. Beim Obst werden häufig Beeren, Trauben, Kiwis, Orangen, Ananas, Cantaloupe und feste (wenig reife) Bananen gut vertragen – jeweils in moderaten Portionen. Laktosefreie Milchprodukte, Hart- und Schnittkäse sowie Joghurtalternativen ohne übermäßige Zusätze sind weitere Bausteine.

Häufig gestellte Fragen

Wie oft hat man bei einem Reizdarmsyndrom Stuhlgang?

Die Stuhlfrequenz ist beim RDS sehr individuell. Manche haben häufiger Stuhlgang (RDS-D, „durchfallbetont“), andere seltener (RDS-C, „verstopfungsbetont“) und wieder andere wechseln zwischen beidem (RDS-M). Als grober Orientierungsrahmen gilt in der Allgemeinbevölkerung „drei Mal täglich bis drei Mal pro Woche“ als normal – beim RDS sind jedoch Schwankungen und der Eindruck der unvollständigen Entleerung typisch.

Ist weicher Stuhlgang bei Reizdarm normal?

Weicher bis breiiger Stuhl kommt beim durchfallbetonten RDS häufig vor und kann phasenweise auftreten, etwa nach Stress oder bestimmten Speisen. Auf der Bristol-Stuhlformskala entsprechen Typ 6–7 (breiig bis wässrig) eher Durchfall. Das ist nicht „gefährlich“, kann aber sehr belastend sein und zu Blähungen und Krämpfen führen.

Kann ein Reizdarm zu Darmkrebs führen?

Nein, das Reizdarmsyndrom erhöht nach derzeitigem Wissensstand nicht das Risiko für Darmkrebs. RDS ist eine funktionelle Störung, keine entzündliche oder vorstufenbildende Erkrankung. Viele Betroffene leben langfristig mit den Symptomen, ohne dass daraus eine Krebserkrankung entsteht.

Quellen und Studien

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